Großhandel und Beschaffung
Wo Lieferanten ihre Energie einkaufen – Börse, Terminmarkt, bilateral – und warum die Einkaufsstrategie darüber entscheidet, welche Tarife ein Versorger überhaupt anbieten kann.
Ein Lieferant besitzt in der Regel kein Kraftwerk. Was er seinen Kunden verkauft, hat er vorher eingekauft – Monate oder Jahre im Voraus am Terminmarkt, am Vortag an der Börse oder in den letzten Minuten vor der Lieferung. Wie er diese Instrumente mischt, ist seine Beschaffungsstrategie, und sie bestimmt Preis, Risiko und Produktpalette.
Die Handelsplätze#
- EPEX Spot – Day-Ahead
- Die tägliche Auktion für den Folgetag. Gebote bis 12:00 Uhr, danach steht für jede Lieferperiode ein Preis fest. Seit dem 1. Oktober 2025 wird in 15-Minuten-Produkten gehandelt – 96 Preise je Tag statt 24. Dieser Preis ist die Referenz für dynamische Tarife und für die meisten Indexverträge.
- EPEX Spot – Intraday
- Kontinuierlicher Handel nach der Day-Ahead-Auktion, in Deutschland bis 5 Minuten vor Lieferbeginn. Hier korrigieren Händler ihre Prognosefehler – der letzte Schritt vor der Ausgleichsenergie.
- EEX – Terminmarkt
- Futures auf Strom und Gas für Lieferzeiträume in der Zukunft: Cal (Kalenderjahr), Quarter, Month, dazu Week und Weekend. Beim Strom getrennt nach Base (alle Stunden) und Peak (werktags 8 – 20 Uhr). Finanzielle Erfüllung – geliefert wird über den Spotmarkt, das Future sichert nur den Preis.
- OTC / bilateral
- Direkte Verträge zwischen Händlern, Erzeugern und Lieferanten, oft über Broker und auf Basis des EFET-Rahmenvertrags. Flexibler als die Börse, dafür mit Kontrahentenrisiko.
Im Gasmarkt heißt der Handelspunkt Virtueller Handelspunkt (VTP) des Marktgebiets Trading Hub Europe; als europäische Preisreferenz gilt der niederländische TTF, auf den die meisten Gas-Futures und Indexverträge zeigen.
Beschaffungsstrategien eines Lieferanten#
| Strategie | Wie | Risiko | Typisch für |
|---|---|---|---|
| Vollversorgung | Ein Vorlieferant liefert die gesamte Kundenlast zu einem festen Preis – inklusive Prognose- und Bilanzkreisrisiko | gering, dafür Risikoprämie im Preis | kleine Stadtwerke, Neueinsteiger |
| Tranchen- / strukturierte Beschaffung | Die erwartete Menge wird in Scheiben über Monate oder Jahre am Terminmarkt eingekauft – etwa zwölf Tranchen à ein Zwölftel | mittel: glättet den Einstandspreis, sichert aber nicht gegen Mengenabweichung | die meisten Stadtwerke und Regionalversorger |
| Portfoliomanagement | Eigener Handel: Termin-, Spot- und Intraday-Geschäfte werden laufend gegen die Lastprognose gesteuert | steuerbar, erfordert Handelsabteilung und Risikomanagement | größere Versorger, Händler |
| Spot-/Indexbeschaffung | Die Menge wird am Day-Ahead-Markt gekauft und der Preis an den Kunden durchgereicht | Preisrisiko liegt beim Kunden | dynamische und Index-Tarife |
Die Differenz zwischen dem, was verkauft ist, und dem, was eingekauft ist, heißt offene Position. Sie ist nie null: Kunden kommen und gehen, das Wetter ändert die Last, Prognosen irren. Der Rest wird am Spot- und Intraday-Markt geschlossen, und was danach noch übrig ist, rechnet der Bilanzkoordinator als Ausgleichsenergie ab.
Forward-Hedge gegen Spot-Exposure – eine Modellrechnung
- Erwarteter Absatz eines Portfolios
- 10.000 MWh
- Davon per Jahres-Future abgesichert
- 8.000 MWh zu P₍Termin₎
- Offene Position am Spotmarkt
- 2.000 MWh zu P₍Spot₎
- Steigt der Spotpreis um 10 €/MWh gegenüber P₍Termin₎
- Mehrkosten 2.000 × 10 = 20.000 €
- Ohne Hedge wären es
- 10.000 × 10 = 100.000 €
Die Rechnung gilt in beide Richtungen: Fällt der Spotpreis, verpasst der abgesicherte Lieferant den Vorteil. Deshalb wurden 2022 Versorger mit hoher Terminquote zu Gewinnern, während Spot-lastige Anbieter Kunden kündigten oder insolvent wurden – und 2023/2024 drehte sich das Bild.
Wie Beschaffung zum Tarifpreis wird#
Beschaffung und Vertrieb machen rund 40 % des Haushaltsstrompreises aus – der einzige Block, den der Lieferant beeinflussen kann; der Rest sind Netzentgelte, Umlagen und Steuern (siehe Strompreis-Zusammensetzung). Der Einstandspreis aus der Beschaffung, ergänzt um Prognose- und Bilanzkreisrisiko, Vertriebskosten und Marge, ergibt den Energieanteil des Arbeitspreises. Ein Festpreistarif mit Preisgarantie ist deshalb nur so lange seriös, wie die Menge dahinter am Terminmarkt eingekauft ist.
Herkunftsnachweise für Ökostrom#
Physisch ist jede Kilowattstunde gleich. Dass ein Tarif „100 % Ökostrom“ heißen darf, beweist der Lieferant mit Herkunftsnachweisen (HKN): Je erzeugter MWh aus erneuerbaren Quellen stellt das Herkunftsnachweisregister (HKNR) des Umweltbundesamts ein Zertifikat aus, das der Lieferant kauft und für seine Kundenmenge entwertet. HKN werden getrennt vom Strom gehandelt – europaweit, oft aus norwegischer Wasserkraft. Was entwertet wurde, erscheint in der Stromkennzeichnung. EEG-geförderter Strom erhält keine HKN; er wird als „Erneuerbare Energien, finanziert aus der EEG-Umlage“ ausgewiesen.
Verwandte Themen
Quellen & Weiterlesen
- EPEX SPOT – Marktdaten und Produktbeschreibungen (Day-Ahead, Intraday)
- EEX – European Energy Exchange (Strom- und Gas-Futures)
- Umweltbundesamt – Herkunftsnachweisregister (HKNR)
- Trading Hub Europe – Virtueller Handelspunkt und Bilanzierung
- Bundesnetzagentur – Monitoringbericht Energie (Großhandel, Beschaffung)