Ersatzwertbildung
Das geregelte Verfahren, mit dem ein fehlender oder unplausibler Messwert durch einen begründeten Rechenwert ersetzt wird – gekennzeichnet, nachvollziehbar und korrigierbar.
Kein Messsystem liefert lückenlos. Zähler fallen aus, Karten werden nicht zurückgeschickt, ein Funkmodul hat drei Tage keinen Empfang. Damit Abrechnung und Bilanzierung trotzdem weiterlaufen, gibt es ein geregeltes Verfahren, aus dem, was man weiß, den Wert zu bilden, der fehlt. Der Ersatzwert ist kein Notbehelf, sondern ein definiertes Datenobjekt mit eigenem Status.
Wann ein Ersatzwert nötig ist#
- Fehlender Zählerstand – keine Ablesung zum Stichtag, weder durch den Messstellenbetreiber noch durch den Kunden
- Messgerätausfall – der Zähler oder die Kommunikation liefert für einen Zeitraum nichts
- Unplausibler Wert – die Ablesung ist da, hält aber der Prüfung nicht stand (siehe unten)
- Lücken im Lastgang – einzelne oder viele Viertelstunden einer RLM- oder iMSys-Messung fehlen
- Stichtag ohne Ablesung – Preisänderung, Lieferantenwechsel oder Umzug zwischen zwei realen Ablesungen
Wer ihn bildet#
- Messstellenbetreiber
- Zuständig für die Messwerte selbst: Er plausibilisiert, bildet den Ersatzwert und übermittelt ihn gekennzeichnet an Netzbetreiber und Lieferant. Das ist Teil der Messwertaufbereitung nach MsbG.
- Netzbetreiber
- Zuständig für die Bilanzierung: Fehlt ihm ein Lastgang für die Bilanzkreisabrechnung, bildet er nach den Regeln der MaBiS einen Ersatzlastgang, damit der Bilanzkreis vollständig bleibt.
- Lieferant
- Bildet keine Ersatzwerte im messtechnischen Sinn. Er darf aber für die Abrechnung schätzen, wenn kein Wert vorliegt – nach § 11 StromGVV auf Grundlage der letzten Ablesung oder des Verbrauchs vergleichbarer Kunden – und muss das auf der Rechnung kenntlich machen.
Plausibilisierung: der Schritt davor#
Bevor ein Wert als wahr gilt, wird er geprüft. Fällt er durch, wird er ersetzt – auch wenn er physisch abgelesen wurde.
| Prüfung | Frage | Typische Ursache bei Verstoß |
|---|---|---|
| Grenzwert | Liegt der Verbrauch im Vergleich zu Vorjahr oder Prognose in einem erwartbaren Band? | Ablesefehler, vertauschte Ziffern, verändertes Nutzerverhalten |
| Negativverbrauch | Ist der neue Stand kleiner als der alte? | Zählerwechsel ohne Ausbau-/Einbaustand, Zählerüberlauf, HT und NT vertauscht, Nachkommastellen mitgelesen |
| Nullverbrauch | Hat sich der Stand über Monate gar nicht bewegt? | Leerstand – oder ein stehender Zähler |
| Sprung | Passt der Verbrauch eines Teilzeitraums zum Rest? | Falsches Ablesedatum, Wert einer anderen Messlokation |
| Lastgang | Fehlen Viertelstunden, gibt es Ausreißer oder Vorzeichenfehler? | Kommunikationsabbruch, Wandlerfaktor falsch hinterlegt |
Verfahren für Zählerstände#
| Verfahren | Wie | Wann geeignet |
|---|---|---|
| Vorjahreswert | Verbrauch desselben Zeitraums im Vorjahr, bei Gas temperaturbereinigt über Gradtagzahlen | Etablierte Verbrauchsstelle, unveränderte Nutzung |
| Lastprofil-Hochrechnung | Jahresverbrauchsprognose mit dem Standardlastprofil auf den Zeitraum verteilt | Standardfall bei SLP-Kunden, insbesondere für Stichtagsabgrenzungen |
| Interpolation | Verbrauch zwischen zwei realen Ständen linear – tagesanteilig oder profilgewichtet – auf den Stichtag verteilt | Stichtag liegt zwischen zwei Ablesungen (siehe Beispiel) |
| Vergleichswert | Verbrauch vergleichbarer Kunden oder Zeiträume | Neukunde ohne Historie |
| Kundenschätzung | Der Kunde meldet einen geschätzten Stand | Nur nachrangig; muss ebenfalls plausibilisiert werden |
Interpolation auf einen Stichtag (tagesanteilig)
- Ablesung 1 am 1. März 2026
- 12.480 kWh
- Ablesung 2 am 15. Mai 2026
- 13.230 kWh
- Verbrauch zwischen den Ablesungen
- 750 kWh in 75 Tagen
- Tagesdurchschnitt
- 10 kWh/Tag
- Stichtag: Preisänderung zum 1. April
- 31 Tage nach Ablesung 1
- Verbrauch bis Stichtag
- 31 × 10 = 310 kWh
Verfahren für Lastgänge#
Ein Lastgang hat 96 Werte am Tag. Fehlen einzelne, ist das ein anderes Problem als ein fehlender Jahresstand – die Lücke muss in derselben Auflösung geschlossen werden.
- Interpolation kurzer Lücken – wenige fehlende Viertelstunden werden linear zwischen dem letzten und dem nächsten gültigen Wert aufgefüllt
- Vortag- oder Vorwochenverfahren – längere Lücken werden mit dem Lastgang desselben Zeitfensters am Vortag oder, besser, am gleichen Wochentag der Vorwoche gefüllt, gegebenenfalls skaliert
- Vergleichs-Lastgang – wo kein eigener Referenztag existiert, ein Lastgang einer vergleichbaren Messlokation oder ein Profil
- Abgleich mit dem Zählerstand – liegt der Zählerstand vor und nach der Lücke vor, wird der Ersatzlastgang so skaliert, dass die Summe der Energiemenge stimmt
Status in der Marktkommunikation#
In der MSCONS-Nachricht trägt jeder Wert eine Statuskennzeichnung. Das Empfängersystem muss sie auswerten, nicht nur den Zahlenwert.
- Wahrer Wert
- Gemessen und plausibilisiert. Abrechnungsgrundlage ohne Vorbehalt.
- Ersatzwert
- Gebildet nach einem der oben genannten Verfahren. Abrechnungsfähig, aber auf der Rechnung als geschätzt zu kennzeichnen und bei Eintreffen des wahren Werts zu korrigieren.
- Vorläufiger Wert
- Übermittelt, bevor die Plausibilisierung abgeschlossen ist. Für Prognosen und Zwischeninformationen nutzbar, nicht für die Schlussabrechnung.
- Prognosewert
- Kein Messwert, sondern eine Erwartung – in bestimmten Prozessen als solcher übermittelt, etwa als Basis für Abschläge oder Bilanzierungsprognosen.
Wenn der wahre Wert doch kommt#
- 1
Eingang und Zuordnung
Der nachgelieferte Wert trifft per
MSCONSein und wird derselben Messlokation und demselben Zeitraum zugeordnet. - 2
Ersatzwert ablösen
Der Ersatzwert bleibt historisiert erhalten, verliert aber seine Gültigkeit für die Abrechnung.
- 3
Betroffene Rechnungen ermitteln
Alle Rechnungen, die auf dem Ersatzwert beruhen – auch Folgeperioden, deren Anfangsstand er war.
- 4
Korrigieren
Storno und Neuberechnung nach den Regeln der Rechnungskorrektur; Differenz als Nachzahlung oder Guthaben, siehe Nachzahlung und Guthaben.