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Ersatzwertbildung

Das geregelte Verfahren, mit dem ein fehlender oder unplausibler Messwert durch einen begründeten Rechenwert ersetzt wird – gekennzeichnet, nachvollziehbar und korrigierbar.

VertiefungStand: August 2026

Kein Messsystem liefert lückenlos. Zähler fallen aus, Karten werden nicht zurückgeschickt, ein Funkmodul hat drei Tage keinen Empfang. Damit Abrechnung und Bilanzierung trotzdem weiterlaufen, gibt es ein geregeltes Verfahren, aus dem, was man weiß, den Wert zu bilden, der fehlt. Der Ersatzwert ist kein Notbehelf, sondern ein definiertes Datenobjekt mit eigenem Status.

Wann ein Ersatzwert nötig ist#

  • Fehlender Zählerstand – keine Ablesung zum Stichtag, weder durch den Messstellenbetreiber noch durch den Kunden
  • Messgerätausfall – der Zähler oder die Kommunikation liefert für einen Zeitraum nichts
  • Unplausibler Wert – die Ablesung ist da, hält aber der Prüfung nicht stand (siehe unten)
  • Lücken im Lastgang – einzelne oder viele Viertelstunden einer RLM- oder iMSys-Messung fehlen
  • Stichtag ohne Ablesung – Preisänderung, Lieferantenwechsel oder Umzug zwischen zwei realen Ablesungen

Wer ihn bildet#

Messstellenbetreiber
Zuständig für die Messwerte selbst: Er plausibilisiert, bildet den Ersatzwert und übermittelt ihn gekennzeichnet an Netzbetreiber und Lieferant. Das ist Teil der Messwertaufbereitung nach MsbG.
Netzbetreiber
Zuständig für die Bilanzierung: Fehlt ihm ein Lastgang für die Bilanzkreisabrechnung, bildet er nach den Regeln der MaBiS einen Ersatzlastgang, damit der Bilanzkreis vollständig bleibt.
Lieferant
Bildet keine Ersatzwerte im messtechnischen Sinn. Er darf aber für die Abrechnung schätzen, wenn kein Wert vorliegt – nach § 11 StromGVV auf Grundlage der letzten Ablesung oder des Verbrauchs vergleichbarer Kunden – und muss das auf der Rechnung kenntlich machen.

Plausibilisierung: der Schritt davor#

Bevor ein Wert als wahr gilt, wird er geprüft. Fällt er durch, wird er ersetzt – auch wenn er physisch abgelesen wurde.

PrüfungFrageTypische Ursache bei Verstoß
GrenzwertLiegt der Verbrauch im Vergleich zu Vorjahr oder Prognose in einem erwartbaren Band?Ablesefehler, vertauschte Ziffern, verändertes Nutzerverhalten
NegativverbrauchIst der neue Stand kleiner als der alte?Zählerwechsel ohne Ausbau-/Einbaustand, Zählerüberlauf, HT und NT vertauscht, Nachkommastellen mitgelesen
NullverbrauchHat sich der Stand über Monate gar nicht bewegt?Leerstand – oder ein stehender Zähler
SprungPasst der Verbrauch eines Teilzeitraums zum Rest?Falsches Ablesedatum, Wert einer anderen Messlokation
LastgangFehlen Viertelstunden, gibt es Ausreißer oder Vorzeichenfehler?Kommunikationsabbruch, Wandlerfaktor falsch hinterlegt

Verfahren für Zählerstände#

VerfahrenWieWann geeignet
VorjahreswertVerbrauch desselben Zeitraums im Vorjahr, bei Gas temperaturbereinigt über GradtagzahlenEtablierte Verbrauchsstelle, unveränderte Nutzung
Lastprofil-HochrechnungJahresverbrauchsprognose mit dem Standardlastprofil auf den Zeitraum verteiltStandardfall bei SLP-Kunden, insbesondere für Stichtagsabgrenzungen
InterpolationVerbrauch zwischen zwei realen Ständen linear – tagesanteilig oder profilgewichtet – auf den Stichtag verteiltStichtag liegt zwischen zwei Ablesungen (siehe Beispiel)
VergleichswertVerbrauch vergleichbarer Kunden oder ZeiträumeNeukunde ohne Historie
KundenschätzungDer Kunde meldet einen geschätzten StandNur nachrangig; muss ebenfalls plausibilisiert werden

Interpolation auf einen Stichtag (tagesanteilig)

Ablesung 1 am 1. März 2026
12.480 kWh
Ablesung 2 am 15. Mai 2026
13.230 kWh
Verbrauch zwischen den Ablesungen
750 kWh in 75 Tagen
Tagesdurchschnitt
10 kWh/Tag
Stichtag: Preisänderung zum 1. April
31 Tage nach Ablesung 1
Verbrauch bis Stichtag
31 × 10 = 310 kWh
Ersatz-Zählerstand zum 1. April12.790 kWh

Verfahren für Lastgänge#

Ein Lastgang hat 96 Werte am Tag. Fehlen einzelne, ist das ein anderes Problem als ein fehlender Jahresstand – die Lücke muss in derselben Auflösung geschlossen werden.

  • Interpolation kurzer Lücken – wenige fehlende Viertelstunden werden linear zwischen dem letzten und dem nächsten gültigen Wert aufgefüllt
  • Vortag- oder Vorwochenverfahren – längere Lücken werden mit dem Lastgang desselben Zeitfensters am Vortag oder, besser, am gleichen Wochentag der Vorwoche gefüllt, gegebenenfalls skaliert
  • Vergleichs-Lastgang – wo kein eigener Referenztag existiert, ein Lastgang einer vergleichbaren Messlokation oder ein Profil
  • Abgleich mit dem Zählerstand – liegt der Zählerstand vor und nach der Lücke vor, wird der Ersatzlastgang so skaliert, dass die Summe der Energiemenge stimmt

Status in der Marktkommunikation#

In der MSCONS-Nachricht trägt jeder Wert eine Statuskennzeichnung. Das Empfängersystem muss sie auswerten, nicht nur den Zahlenwert.

Wahrer Wert
Gemessen und plausibilisiert. Abrechnungsgrundlage ohne Vorbehalt.
Ersatzwert
Gebildet nach einem der oben genannten Verfahren. Abrechnungsfähig, aber auf der Rechnung als geschätzt zu kennzeichnen und bei Eintreffen des wahren Werts zu korrigieren.
Vorläufiger Wert
Übermittelt, bevor die Plausibilisierung abgeschlossen ist. Für Prognosen und Zwischeninformationen nutzbar, nicht für die Schlussabrechnung.
Prognosewert
Kein Messwert, sondern eine Erwartung – in bestimmten Prozessen als solcher übermittelt, etwa als Basis für Abschläge oder Bilanzierungsprognosen.

Wenn der wahre Wert doch kommt#

  1. 1

    Eingang und Zuordnung

    Der nachgelieferte Wert trifft per MSCONS ein und wird derselben Messlokation und demselben Zeitraum zugeordnet.

  2. 2

    Ersatzwert ablösen

    Der Ersatzwert bleibt historisiert erhalten, verliert aber seine Gültigkeit für die Abrechnung.

  3. 3

    Betroffene Rechnungen ermitteln

    Alle Rechnungen, die auf dem Ersatzwert beruhen – auch Folgeperioden, deren Anfangsstand er war.

  4. 4

    Korrigieren

    Storno und Neuberechnung nach den Regeln der Rechnungskorrektur; Differenz als Nachzahlung oder Guthaben, siehe Nachzahlung und Guthaben.

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